ich fühle mich schuldig
hamburg . kurz vor neun uhr abends
ich hasse tanken. es soll tankstellen geben, die haben tankwarte, die einem das auto betanken. den dafür fälligen zusätzlichen euro mehr würde ich nur zu gern bezahlen, hauptsache, ich muss nicht aussteigen, mir die finger schmutzig machen und benzingift einatmen. leider hat die tanke meines vertrauens keinen exklusiven service. damit lässt sie sich in der gut betuchten gegend jede menge locker sitzende euros durch die lappen gehen.
an diesem abend bin ich augenscheinlich die einzige person, die tankt. die endlose schlange besteht nur aus kunden, die sich überteuerte chips, bier und eis kaufen. früher hat man diejenigen, die getankt haben, nach vorne gewunken, bevor der rest der chipskäufer abgefertigt wurde. wahrscheinlich verdienen die tankstellen mittlerweile mehr am alkoholischen als am eigentlichen sprit.
warum kaufen die alle hier, frage ich mich. schliesslich sollen heute die supermärkte ausserordentlich bis 22 uhr geöffnet haben. allein dafür lohnt es sich, die fussball-weltmeisterschaft jedes jahr in deutschland stattfinden zu lassen, finde ich. oder täusche ich mich? habe ich mich verlesen? nicht, dass ich jetzt vor verschlossenen supermarkttüren stehe, nachdem ich die tankstellenschlange tapfer hinter mir gelassen habe, ohne teuren miserablen weinfusel zu kaufen.
mutig fahre ich meinen supermarkt an. "guten morgen und guten abend" steht an der tür. "wir haben von 7 bis 22 uhr für sie geöffnet." mir fällt ein stein vom herzen und gleichzeitig wird mir feierlich zumute; ich betrete zum ersten mal in meinem leben einen deutschen supermarkt nach zwanzig uhr! mulmig ist mir, ich bin unsicher. werde ich die einzige sein, die so unverschämt ist, diese zeit auszunutzen? hätte ich nicht doch lieber an der tanke einkaufen sollen, wie all die anderen leute?
ich bin die einzige. egal, ob marmelade, nudeln oder kaffee: es sind nur supermarktmitarbeiter unterwegs, erkennbar an den grün-weiss karierten hemden. im gang mit dem käse und quark fegt ein mann langsam den schmutz des tages zusammen. ich störe ihn, als ich ihn vorsichtig überhole und bedanke mich höflich dafür, dass er auf mich rücksicht nimmt und mir nicht böswillig den besen zwischen die beine schmeisst. er knurrt irgendetwas unverständliches zurück.
ich lächle die frau hinter der käsetheke freundlich an. es wäre ja noch schlimmer, wenn um diese zeit nur schlecht gelaunte kunden unterwegs wären, denke ich. sie sieht mich erschrocken an und schaut schnell wieder auf ihren käse.
der gang mit dem wein. endlich - ein kunde. so einer wie ich! ein mensch, der es wagt, um diese zeit einzukaufen. doch erst an der kasse löst sich meine anspannung etwas. es gibt immerhin eine kleine schlange an der einzigen geöffneten kasse. ich sehe in meinen korb. ich hätte mehr einkaufen müssen, damit sich das geschäft für den supermarkt lohnt, finde ich. sollte ich vielleicht noch etwas von dem tiefgefrorenen spinat, brokkoli oder rosenkohl mitnehmen? ich entscheide mich dagegen.
die kassiererin ist das hübsche, junge, blonde mädchen in der frisch gestärkten grünweissen marktbluse. zu stark aber makellos geschminkt und exakt frisiert wie immer, so als wäre sie gerade in der maske gewesen. "guten abend," grüsst sich mich freudlos ohne aufzuschauen und zieht mit ihren schön manikürten händen meinen ingwer, quark und wein über den scanner.
"einen schönen abend noch." ihre stimme ist die eines roboters, als sie mir das wechselgeld gibt. "danke gleichfalls," murmel ich betreten und kaum hörbar. ich schäme mich in grund und boden, dass ich ihr mit meinem einkauf den abend verdorben habe.
liebe leute,
bitte denkt an die verlängerten öffnungszeiten während der wm und kauft nach acht uhr abends im supermarkt ein.
ich will mich nicht mehr allein schuldig fühlen.
ich hasse tanken. es soll tankstellen geben, die haben tankwarte, die einem das auto betanken. den dafür fälligen zusätzlichen euro mehr würde ich nur zu gern bezahlen, hauptsache, ich muss nicht aussteigen, mir die finger schmutzig machen und benzingift einatmen. leider hat die tanke meines vertrauens keinen exklusiven service. damit lässt sie sich in der gut betuchten gegend jede menge locker sitzende euros durch die lappen gehen.
an diesem abend bin ich augenscheinlich die einzige person, die tankt. die endlose schlange besteht nur aus kunden, die sich überteuerte chips, bier und eis kaufen. früher hat man diejenigen, die getankt haben, nach vorne gewunken, bevor der rest der chipskäufer abgefertigt wurde. wahrscheinlich verdienen die tankstellen mittlerweile mehr am alkoholischen als am eigentlichen sprit.
warum kaufen die alle hier, frage ich mich. schliesslich sollen heute die supermärkte ausserordentlich bis 22 uhr geöffnet haben. allein dafür lohnt es sich, die fussball-weltmeisterschaft jedes jahr in deutschland stattfinden zu lassen, finde ich. oder täusche ich mich? habe ich mich verlesen? nicht, dass ich jetzt vor verschlossenen supermarkttüren stehe, nachdem ich die tankstellenschlange tapfer hinter mir gelassen habe, ohne teuren miserablen weinfusel zu kaufen.
mutig fahre ich meinen supermarkt an. "guten morgen und guten abend" steht an der tür. "wir haben von 7 bis 22 uhr für sie geöffnet." mir fällt ein stein vom herzen und gleichzeitig wird mir feierlich zumute; ich betrete zum ersten mal in meinem leben einen deutschen supermarkt nach zwanzig uhr! mulmig ist mir, ich bin unsicher. werde ich die einzige sein, die so unverschämt ist, diese zeit auszunutzen? hätte ich nicht doch lieber an der tanke einkaufen sollen, wie all die anderen leute?
ich bin die einzige. egal, ob marmelade, nudeln oder kaffee: es sind nur supermarktmitarbeiter unterwegs, erkennbar an den grün-weiss karierten hemden. im gang mit dem käse und quark fegt ein mann langsam den schmutz des tages zusammen. ich störe ihn, als ich ihn vorsichtig überhole und bedanke mich höflich dafür, dass er auf mich rücksicht nimmt und mir nicht böswillig den besen zwischen die beine schmeisst. er knurrt irgendetwas unverständliches zurück.
ich lächle die frau hinter der käsetheke freundlich an. es wäre ja noch schlimmer, wenn um diese zeit nur schlecht gelaunte kunden unterwegs wären, denke ich. sie sieht mich erschrocken an und schaut schnell wieder auf ihren käse.
der gang mit dem wein. endlich - ein kunde. so einer wie ich! ein mensch, der es wagt, um diese zeit einzukaufen. doch erst an der kasse löst sich meine anspannung etwas. es gibt immerhin eine kleine schlange an der einzigen geöffneten kasse. ich sehe in meinen korb. ich hätte mehr einkaufen müssen, damit sich das geschäft für den supermarkt lohnt, finde ich. sollte ich vielleicht noch etwas von dem tiefgefrorenen spinat, brokkoli oder rosenkohl mitnehmen? ich entscheide mich dagegen.
die kassiererin ist das hübsche, junge, blonde mädchen in der frisch gestärkten grünweissen marktbluse. zu stark aber makellos geschminkt und exakt frisiert wie immer, so als wäre sie gerade in der maske gewesen. "guten abend," grüsst sich mich freudlos ohne aufzuschauen und zieht mit ihren schön manikürten händen meinen ingwer, quark und wein über den scanner.
"einen schönen abend noch." ihre stimme ist die eines roboters, als sie mir das wechselgeld gibt. "danke gleichfalls," murmel ich betreten und kaum hörbar. ich schäme mich in grund und boden, dass ich ihr mit meinem einkauf den abend verdorben habe.
liebe leute,
bitte denkt an die verlängerten öffnungszeiten während der wm und kauft nach acht uhr abends im supermarkt ein.
ich will mich nicht mehr allein schuldig fühlen.
bittersweet choc ° 13.06.2006
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